Montag, 11. Oktober 2010

Die Fragen über das Thema legen

Der vermutlich wichtigste Redaktionsleiter, den ich in den dreißig Jahren als Journalist erlebt habe, war Peter Felten. Der Mann war zu Recht nicht unumstritten. Zum einen war er politisch so schwarz, dass man das Licht einschalten mussten, wenn er den Raum betrat. Zum zweiten hat er nur aufgrund damaliger Gesetze und gegen den Widerstand der meisten Kollegen in der Kölnischen Rundschau seinen Arbeitsplatz behalten, obwohl er zwei Jahre wegen Spionage in Bautzen – also im DDR-Gefängnis – verbracht hat und schließlich einer derjenigen war, die gegen Guillaume ausgetauscht wurden. Dennoch – ich habe viel von ihm gelernt. Von Peter Felten zum Beispiel stammt der Hinweis: „Legen Sie nicht die Ironie in die Sprache. Arbeiten Sie die Ironie der Sache heraus!“ An ihn werde ich denken, wenn ich morgen zu dem Hospiz in Recklinghausen aufbreche. Ich erinnere mich, dass ich mit ihm zur Frau – genauer: zur Witwe eines Lokführers gefahren bin, der in der Nacht bei einem schweren Zugunglück im Erftkreis in Einzelteilen aus dem Führerhaus geborgen wurde. Auf die Fragen, wie wir die Frau den befragen sollten, sagte er nur: „Dann muss man die Fragen über das Thema legen.“ Das war nicht die überaus gängige Phrase nach den Menschen hinter den Schlagzeilen. Hier ging es darum, über eine andere, „darüber“ liegende Ebene auf den Kern des Themas zu kommen.  Das ist nicht einfach, aber eine Herausforderung, die Spaß macht. Diese Methode werde ich vermutlich nutzen müssen, wenn ich morgen oder übermorgen am Bett eines sterbenden Menschen sitze. Ich werde darauf zurück kommen.  

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