Dienstag, 12. Oktober 2010

Abschiedsritual

Schwester Heike Lenze plaudert unbefangen drauf los: „Wissen Sie, wir möchten nicht, dass die Erlebnisse mit den Menschen, die hier sterben, so einfach verloren gehen. Und wir möchten uns von ihnen verabschieden.“ Der etwa wohnzimmergroße Raum, der sich nun stetig mit Pflegerinnen und Pflegern füllte, war offenkundig ein sakraler. In einer Gaube hängt ein modernes Kruzifix, davor eine Osterkerze. Zu ihren Füßen eine Schale mit Sand gefüllt, darin einige Teelichte. Dahinter steht auf einer Staffelei eine Tafel, beschrieben mit Namen und jeweils einem Datum daneben – dem Todesdatum.
Man setzt sich hin und langsam kehrt Ruhe ein. Dem gut vernehmbaren Geräusch eines einrastenden „Start“-Schalters folgt ein etwas melancholischer Titel. Doch Melancholie lässt hier niemand zu. „Das war doch ein Titel aus „Titanic“, amüsiert sich Schwester Giovanna und die übrigen mit ihr. 
Doch dann gedenken die Mitarbeiter des Franziskus-Hospizes derer, die in den vergangenen 14 Tagen gestorben sind. Sie tun das mit einer heiteren Ernsthaftigkeit, um die man sie fast beneiden möchte. Doch den Umgang mit dem Tod kann man nicht lernen. Allenfalls gibt es Methoden, die dabei helfen. Dafür ist das Abschiedsritual da.
So wird klar: Die Verstorbenen sind mehr, als ein durchlaufender Posten in diesem Hospiz. Von jedem gibt es eine Geschichte, jeder hatte irgendeine Marotte, ein Gesicht. Nach einem kurzen Austausch zündet man ein Teelicht an, wischt den Namen von der Tafel und lässt einen Gong ertönen. Ein Abschiedsgong, ein Abschluss. Auch das muss sein.

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