Donnerstag, 14. Oktober 2010

Aufbruchsstimmung

Es ist der Morgen des dritten Tages im Hospiz zum hl. Franziskus in Recklinghausen – so kurz nach halb zehn. Neben dem Netbook steht der Kaffee, den es hier reichlich gibt. Die Pfeife qualmt, denn das ist hier erlaubt. Ich bin in Aufbruchsstimmung. Am Nachmittag droht Regen. Mit dem Roller will ich da nicht rein geraten.
Es waren überaus erfolgreiche Tage. Ich habe die Fotos, die ich brauche, ertrinke in Informationen, habe gute Gespräche geführt und das ganze Leben hier im Haus kennengelernt. Ich nehme den Eindruck mit, dass hier hochprofessionell gearbeitet wird, mit heiterer Ernsthaftigkeit und in dem Wissen, einen sinnvollen Job zu tun.
Ich bin dem Team sehr dankbar für die offene, unkomplizierte und überaus freundliche Aufnahme!
Wer ein paar Euro übrig hat:
Hospiz zum hl. Franziskus
Sparkasse Vest-Recklinghausen
Kto.-Nr. 10 301 992
BLZ: 426 501 50

Mittwoch, 13. Oktober 2010

"Nur noch einmal im Regen stehen..."

„Jede Tageszeit hat hier eine eigene Stimmung. Morgens ist alles sehr geschäftig, nachmittags kehrt eine gewisse Ruhe ein. Aber am schönsten ist für mich der Nachtdienst. Dann schlafen alle und ich gehe wie eine Herbergsmutter von Tür zu Tür und gucke, ob es allen gut geht. Dann bin ich die Königin der Nacht!“ Schwester Giovanna

„Die Mitarbeit hier hat mich verändert. Ich bin dankbarer geworden für den schönen Moment und für das, was ich habe. Einfach gelassener. Ich habe auch keine Angst mehr vor dem Tod. Und aktive Sterbehilfe kommt für mich nicht mehr in Frage.“ Ulrike Steinberg, ehrenamtliche Mitarbeiterin

„Die Selbstpflege ist ganz wichtig. Man muss lernen, sich selbst richtig zu reflektieren. Oft halten die Patienten einem ja auch den Spiegel vor. Manchmal sind sie im gleichen Alter, mal erinnern sie einen an die eigenen Eltern.“ Heike Lenze, Pflegedienstleiterin

„Nach dem vierwöchigen Kurs für ehrenamtliche Hospizhelfer sind die Menschen ehrlich zu sich selbst. Sie merken, ob sie für die Arbeit geeignet sind oder nicht. Und also habe ich noch nie jemanden abweisen müssen. Außerdem hat jeder irgendeine Fähigkeit, die man bei uns einbringen kann.“ Marianne Michel, Koordinatorin des ehrenamtlichen Hospizdienstes

„Wenn in unserem Haus jemand stirbt, nimmt er meistens jemanden mit. Es dauert dann nie lange, und ein weitere Patient geht.“ Jutta Keller, Verwaltungsangestellte

„Die Menschen sollen hier leben bis zum Schluss. Wir machen mitunter der tollsten Sachen mit ihnen. Hunde dürfen mitgebracht werden. Und wem danach ist, der raucht auch mal eine. Nicht selten erfüllen wir letzte Wünsche. Ein Patient wollte einfach nur noch einmal draußen im Regen stehen.“ Christa Leimkühler, Hauswirtschafterin

Dienstag, 12. Oktober 2010

Abschiedsritual

Schwester Heike Lenze plaudert unbefangen drauf los: „Wissen Sie, wir möchten nicht, dass die Erlebnisse mit den Menschen, die hier sterben, so einfach verloren gehen. Und wir möchten uns von ihnen verabschieden.“ Der etwa wohnzimmergroße Raum, der sich nun stetig mit Pflegerinnen und Pflegern füllte, war offenkundig ein sakraler. In einer Gaube hängt ein modernes Kruzifix, davor eine Osterkerze. Zu ihren Füßen eine Schale mit Sand gefüllt, darin einige Teelichte. Dahinter steht auf einer Staffelei eine Tafel, beschrieben mit Namen und jeweils einem Datum daneben – dem Todesdatum.
Man setzt sich hin und langsam kehrt Ruhe ein. Dem gut vernehmbaren Geräusch eines einrastenden „Start“-Schalters folgt ein etwas melancholischer Titel. Doch Melancholie lässt hier niemand zu. „Das war doch ein Titel aus „Titanic“, amüsiert sich Schwester Giovanna und die übrigen mit ihr. 
Doch dann gedenken die Mitarbeiter des Franziskus-Hospizes derer, die in den vergangenen 14 Tagen gestorben sind. Sie tun das mit einer heiteren Ernsthaftigkeit, um die man sie fast beneiden möchte. Doch den Umgang mit dem Tod kann man nicht lernen. Allenfalls gibt es Methoden, die dabei helfen. Dafür ist das Abschiedsritual da.
So wird klar: Die Verstorbenen sind mehr, als ein durchlaufender Posten in diesem Hospiz. Von jedem gibt es eine Geschichte, jeder hatte irgendeine Marotte, ein Gesicht. Nach einem kurzen Austausch zündet man ein Teelicht an, wischt den Namen von der Tafel und lässt einen Gong ertönen. Ein Abschiedsgong, ein Abschluss. Auch das muss sein.

Montag, 11. Oktober 2010

Die Fragen über das Thema legen

Der vermutlich wichtigste Redaktionsleiter, den ich in den dreißig Jahren als Journalist erlebt habe, war Peter Felten. Der Mann war zu Recht nicht unumstritten. Zum einen war er politisch so schwarz, dass man das Licht einschalten mussten, wenn er den Raum betrat. Zum zweiten hat er nur aufgrund damaliger Gesetze und gegen den Widerstand der meisten Kollegen in der Kölnischen Rundschau seinen Arbeitsplatz behalten, obwohl er zwei Jahre wegen Spionage in Bautzen – also im DDR-Gefängnis – verbracht hat und schließlich einer derjenigen war, die gegen Guillaume ausgetauscht wurden. Dennoch – ich habe viel von ihm gelernt. Von Peter Felten zum Beispiel stammt der Hinweis: „Legen Sie nicht die Ironie in die Sprache. Arbeiten Sie die Ironie der Sache heraus!“ An ihn werde ich denken, wenn ich morgen zu dem Hospiz in Recklinghausen aufbreche. Ich erinnere mich, dass ich mit ihm zur Frau – genauer: zur Witwe eines Lokführers gefahren bin, der in der Nacht bei einem schweren Zugunglück im Erftkreis in Einzelteilen aus dem Führerhaus geborgen wurde. Auf die Fragen, wie wir die Frau den befragen sollten, sagte er nur: „Dann muss man die Fragen über das Thema legen.“ Das war nicht die überaus gängige Phrase nach den Menschen hinter den Schlagzeilen. Hier ging es darum, über eine andere, „darüber“ liegende Ebene auf den Kern des Themas zu kommen.  Das ist nicht einfach, aber eine Herausforderung, die Spaß macht. Diese Methode werde ich vermutlich nutzen müssen, wenn ich morgen oder übermorgen am Bett eines sterbenden Menschen sitze. Ich werde darauf zurück kommen.  

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Ein ernstes Thema

Es ist ein ernstes Thema, das ich am 12. Oktober nach langer, mühsamer Vorbereitung in Angriff nehmen werde.Dann werde ich drei Tage in einem Sterbe-Hospiz verbringen. Nicht in irgendeinem, sondern dem ersten und mithin ältesten, das es in Deutschland gibt, das Franzikus-Hospital in Recklinghausen.
Ich werde mich diesem Thema mit der gebotenen Ernsthaftigkeit widmen. Dazu gehört aber auch, keine heulsuselige Tragödienstimmung zu erzeugen. Es geht um das Leben im Hospiz. Und zum Leben gehört hier, anders als an vielen Orten unseres Daseins, das Sterben dazu. Wie sich die Menschen im Franziskus-Hospital dem stellen, mit Tatkraft und Optimismus, guter Laune und manchmal unter Tränen, das will ich einzufangen versuchen.
Abermals bitte ich Euch um Euer feed-back. Bislang war das ein wenig erfolglos. Ich bin interessiert an Euren Fragen, Euren Anregungen und Eurer Kritik. Das alles wird einfließen in meine Recherche, meine Fotos und meine Interviews.
Am kommenden Dienstag breche ich auf. Ich bin sehr gespannt und auch ein wenig ängstlich. Warum eigentlich?